Klangfarben und Wasserspiele Musiker testen die Seebühne am Blausteinsee
Gut eine halbe Tonne wird aus dem Anhänger gehievt. Auf kleinen Rollen schieben drei Männer das hochkant gestellte Schwergewicht die Rampe zur Eschweiler Seebühne am Blausteinsee hinauf. Oben angekommen, werden die Pedale verschraubt und die Füße montiert.
Sacht landet der wertvolle Flügel in richtiger Position. Der edle, schwarz glänzende Lack verliert die schützende Tuchhülle. Der Wind rauscht. Der erste Ton hallt zum Ufer hinüber.
«Gibt es ein Konzert?» fragen neugierige Spaziergänger, die zufällig Zeuge dieses ungewöhnlichen Schauspiels werden. Nein, ein Konzert im eigentlichen Sinne gibt es nicht.
Dennoch werden dem angeschleppten Steinway-Flügel an diesem Vormittag etliche Töne entlockt, die das Herz des Musikliebhabers erquicken. Könnte so ein Konzert aussehen, das vielleicht bald auf der kürzlich eingeweihten Seebühne am Blausteinsee stattfindet?
«Das ist nur ein Test», erklärt Daniel Brech, Klavierbauer aus Eschweiler, der die Aktion initiiert hat. Als er das erste Mal die Seebühne sieht, ist er begeistert, seine Phantasie sofort angeregt.
Wie ist wohl die Akustik auf dieser einmaligen Spielstätte, die längst liebevoll als kleine Schwester der berühmten Bregenzer Seebühne tituliert wird? Was müsste man unternehmen, um ein klassisches Konzert unter diesen Umständen zum Hochgenuss werden zu lassen?
Berufsbedingt hegt Daniel Brech, der unter anderem für die Instrumente der Frankfurter Alten Oper verantwortlich ist, intensive Kontakte zu hochkarätigen Musikern.
Er selbst hat Klavier studiert, die Liebe zur Musik liegt ihm im Blut. Eines Tages greift er daher zum Telefon und kontaktiert die Stadtverwaltung. Dort stößt er auf offene Ohren. Klar, einen solchen Test könne er machen. Auf die Ergebnisse sei man gespannt, teilt man ihm mit.
Also karrt er seinen Konzertflügel an, der seit einiger Zeit zum Verleih in der Werkstatt steht, und findet außerdem zwei Musiker, die sich als Versuchskaninchen hergeben.
Der Pianist Eckhard Radmacher, ein guter Freund und ehemaliger Klavierlehrer von Daniel Brech, der ebenfalls aus Eschweiler stammt, und der Bassist Wilhelm Geschwind reisen mit an.
Und so kommt das zufällige Publikum in den Hörgenuss des Duos Radmacher & Geschwind, das sowohl Klassisches als auch eigene Jazzkompositionen erklingen lässt. Natürlich nur zu Testzwecken.
«Toll», sagt die Eschweilerin Brigitte Weinberg-Moszin, die mit ihrer Schwester Marlen Wronka dem Zufallskonzert lauscht. «Stell Dir vor, man sitzt hier und die Sonne geht unter», beschreibt sie begeistert die Aussicht auf künftigen Konzertgenuss.
Tja, und wenn man das mit der Klassik hier hinbekäme, das wär´ schon was. Was deutlich wird unter den Einheimischen: Keiner weiß so recht, was auf der Bühne künftig passieren wird.
Kein Wunder, sahen doch selbst die Verantwortlichen der Stadt Eschweiler bis vor Kurzem noch in unbestimmte Zukunft. «Doch bis Ende des Jahres gibt es ein Konzept», sagt Bürgermeister Rudi Bertram.
Vom Rock bis zur Klassik sei alles dort denkbar. «Angedacht für den nächsten Sommer sind zehn bis zwölf Veranstaltungen», so Bertram. Deren Organisation allerdings wolle man in die Hände unabhängiger Betreiber legen.
Vorbehalten werde sich die Stadt jedoch, Vereinen und anderen Einrichtungen der Region auf der Bühne Auftrittsmöglichkeiten zu bieten.
«Wir sind ja noch in der Anfangsphase», begründet Thomas Ladwig, Mitarbeiter des Kulturamtes, die derzeitigen Unwägbarkeiten. Denn noch wird gebaut am Seeufer.
Voraussichtliche Eröffnung des Blausteinsee-Zentrums in der Westbucht ist Pfingsten 2011. Welche Maßnahmen an der Bühne noch umgesetzt würden, ergebe sich im Einzelfall, so Thomas Ladwig.
Eigeninitiative
Ein bisschen schlauer ist man nun dank der Aktion in Eigeninitiative von Daniel Brech. «Nicht schlecht, was am Ufer ankommt», sagt dieser - positiv überrascht über die Akustik, nachdem man den gänzlich unverstärkten Flügel mal hier- und mal dorthin gerückt hat.
Dennoch müsste noch einiges getan werden, um den Schall zu bündeln, den Klang zu optimieren, der sich momentan von der offenen Bühne auf dem See verliert. Irritierend, so der Pianist, sei außerdem der Wind.
«Die Naturgeräusche allerdings muss man in Kauf nehmen», meint Daniel Brech. Und prompt mischt sich zu Jazzklängen: lautes Gänsegegacker.
Quelle: AZ WEB
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